Chronos & Kairos: Warum wir wieder lernen sollten, Zeit zu verschwenden

Es ist 6:59 Uhr.

Du musst die Kinder noch schnell in den Kindergarten bringen, damit du pünktlich um 7:30 Uhr in deinem Meeting bist.

Während du versuchst, Brotdosen, Jacken und Schuhe gleichzeitig im Blick zu behalten, schießt dir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf:

Warum habe ich mir ausgerechnet um 7:30 Uhr ein Meeting gelegt?

Jetzt ist es zu spät.

Du treibst die Kinder an, sich endlich die Schuhe anzuziehen. Jede Minute fühlt sich kostbar an. Die Zeit scheint dir durch die Finger zu rinnen – und du kannst nichts dagegen tun.

Nun stell dir dieselbe Situation noch einmal vor.

Die Kinder sind fertig angezogen. Gemeinsam geht ihr aus dem Haus. Auf dem Weg zum Auto entdeckt ihr eine kleine Schnecke, die sich langsam ihren Weg durch den feuchten Boden bahnt.

Ihr bleibt stehen.

Die Kinder beobachten sie voller Neugier.

Die Vögel zwitschern. Im Auto läuft eure Lieblingsmusik. Ihr fahrt ganz entspannt zum Kindergarten.

Als du später auf die Uhr schaust, stellst du fest:

Du hast noch jede Menge Zeit.

Zwei Arten Zeit zu erleben

Was unterscheidet diese beiden Situationen?

Diese Woche bin ich durch eine meiner Lieblingsautorinnen auf zwei griechische Begriffe gestoßen, die ich vorher nicht kannte:

Chronos und Kairos.

Beides bedeutet Zeit.

Und doch beschreiben sie etwas völlig Unterschiedliches.

Chronos ist die Zeit, die wir messen.

Minuten. Stunden. Termine. Deadlines.

Die Uhr bestimmt unseren Tag.

Kairos hingegen beschreibt die Qualität eines Augenblicks.

Es sind diese Momente, in denen wir ganz im Hier und Jetzt sind. Momente, die sich bedeutungsvoll anfühlen und die wir intensiv erleben.

Nicht die Uhr entscheidet über ihren Wert.

Sondern wir.

Wie viel Zeit verbringen wir eigentlich mit Chronos?

Als ich darüber nachgedacht habe, wurde mir etwas bewusst.

Ich verbringe unglaublich viel Zeit mit Chronos.

Mit Terminen.

Mit To-do-Listen.

Mit dem Blick auf die Uhr.

Und viel zu wenig Zeit mit Kairos.

Mit den kleinen Momenten, die keinen festen Platz im Kalender haben.

Dabei sind es genau diese Augenblicke, an die wir uns später erinnern.

Nicht daran, dass wir pünktlich im Meeting waren.

Sondern daran, dass wir mit unseren Kindern eine Schnecke beobachtet haben.

Darf man Zeit verschwenden?

Vielleicht klingt das zunächst falsch.

Aber ich glaube, wir sollten wieder lernen, Zeit zu verschwenden.

In den letzten Wochen hatte ich ungewohnt viel davon.

Ich saß auf dem Balkon.

Ich beobachtete die Wolken.

Ich hörte den Vögeln zu.

Ich tat… nichts.

Und genau in diesen Momenten wurde die Zeit plötzlich langsamer.

Nicht, weil die Uhr stehen geblieben wäre.

Sondern weil ich aufgehört hatte, sie ständig anzusehen.

Die wertvollsten Momente lassen sich nicht planen

Vielleicht brauchen wir gar nicht mehr Zeit.

Vielleicht brauchen wir einfach mehr Kairos.

Mehr Augenblicke, in denen wir bewusst wahrnehmen, was gerade passiert.

Mehr Zeit, die sich nicht nach Minuten anfühlt, sondern nach Leben.

Denn am Ende sind es genau diese Momente, die in unserer Erinnerung weiterleuchten.

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